Digitalfotografen sind ihren analogen Kollegen gegenüber in einer Hinsicht ziemlich im Nachteil: Sie müssen sich neben der korrekten Belichtung auch noch Gedanken über den richtigen Weißabgleich machen. Weißabgleich bedeutet, die Digitalkamera auf die am Aufnahmeort vorherrschende Farbtemperatur des Lichts einzustellen.
Über die Farbtemperatur
Jede Lichtquelle hat seine eigene sog. Farbtemperatur. Das bedeutet, dass z.B. das Licht einer Kerze viel wärmer ist als das der Mittagssonne. Wärmer im Sinne von farblich wärmer, versteht sich. Die Farbtemperatur wird in Grad Kelvin gemessen. Um noch einmal auf das Beispiel zurückzukommen, das Licht einer Kerze hat ca. 1.500 Kelvin, das der Mittagssonne etwa. 5.600 Kelvin. Mit ansteigender Temperatur ändert sich die Farbe von rot über orange, gelb, weiß bis hin zu blau. Diese verschiedenen Farbtemperaturen muss die Kamera also ausgleichen, um ein farbneutrales Bild zu produzieren.
Die Graukarte
Grau ist grau, und grau sollte unter allen Bedingungen auch wie grau aussehen. Aus dem Grund bedient man sich einer sog. Graukarte. Diese reflektiert etwa 18% des auf sie auftreffenden Lichts und kann daher auch gut für die Belichtungsmessung verwendet werden. Die Karte sollte im Idealfall mit metamerer (aus mehreren Teilen bestehender) Farbe beschichtet sein, damit man stets denselben Reflexionsgrad erhält.
Anwendung der Graukarte
Es gibt im wesentlichen zwei Varianten, mit einer Graukarte zu arbeiten. Variante 1 ist, die Graukarte zusammen mit dem abzubildenden Motiv aufzunehmen und später in der EBV mittels der Graupunkt Funktion auf den richtigen Farbton abzugleichen. Variante 2 ist, vor der Aufnahme den Weißabgleich der Kamera manuell vorzugeben. Dazu fotografiert man am Aufnahmeort die Graukarte bildfüllend und läd dieses Bild als Referenz für den Weißabgleich in die Kamera. Erst dann werden die weiteren Aufnahmen (ohne erneute Benutzung der Graukarte) gemacht. Wenn Sie im Fotostudio shooten, brauchen Sie den Vorgang nur 1x vor dem Shooting durchzuführen, da die Farbtemperatur des Lichts bzw. der Blitze konstant bleibt.
Wenn sich die Lichtsituation ändert, z.B. die Sonne plötzlich hinter den Wolken verschwindet, die Einmessung jedoch bei strahlendem Sonnenschein erfolgte, passt der Weißabgleich nicht mehr und muss unter den neuen Bedingungen erneut erfolgen!
Warum der Aufwand?
Diese Frage wird sich der eine oder andere vielleicht stellen, zumal er/sie ja im RAW-Format fotografiert und den Weißabgleich ja auch später im RAW-Converter ändern kann. Dafür gibt es drei gute Gründe: Zum einen weiß man oft nachher nicht mehr, wie die Lichtsituation am Aufnahmeort genau war. Zum anderen spielt das subjektive Empfinden eine große Rolle und kann das Ergebnis erheblich verfälschen. Und last but not least hat man in der Nachbearbeitung deutlich weniger Stress, da man keinen Farbstich korrigieren muss.
Beispiel
Das linke Foto wurde mit automatischem Weißabgleich (AWB) aufgenommen. Es hat erkennbar einen Blaustich. Das rechte Bild wurde mit manuellem Weißabgleich aufgenommen. Hier stimmen die Farben.